Das Wellensittich- Orakel

Hier kommt jetzt die angekündigte Rezi.  Ein herrlicher Roman der im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Bottrop spielt und absolut lesenswert ist.  Etwas für die Lachmuskeln !!!   

„Literaturwerkstatt- kreativ“ rezensiert

„Kommando Schluckspecht“ von Tobias Keller

Der Protagonist Tim Feldman hat sein Jura Studium kurz vor dem Ende „geschmissen“ um eine Kneipe zu kaufen.

Also machte ich kurzen Prozess, schmiss das Studium kurz vor dem Abschluss hin und rettete mit dem Kauf des Schluckspecht den Zufluchtsort meines gesamten Freundeskreises.“

Eine Kneipe im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Bottrop. Die nun weiterhin Dreh- und Angelpunkt der Männerclique von Tim Feldmann bleibt. Bei einem Männer-Kegelabend lernen wir diese Clique nun genauer kennen. Dabei wird sehr deutlich, dass Bottrop und insbesondere die Kneipe ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens darstellt und keiner aus der Clique sich vorstellen kann, wo anders zu Leben. „Schütti“ beispielsweise ist bereits schon damit total überfordert, das seine Freundin Vanessa auch nur an den Rand von Bottrop ziehen möchte.
Des weiteren lernen wir Thorsten und Bernadette kennen, das Wellensittich-Pärchen von Tim Feldmann und seiner Freundin Lisa. Thorsten hat durch seine Darmentleerung Bernadettes Mittagessen verunstaltet. Und immer wenn er das macht, passiert anschließend etwas, das unschöne Folgen hat.

Als Thorsten das letzte mal sein Geschäft auf das Futter seiner Mitbewohnerin geklatscht hat, kam unmittelbar danach Lisa nachhause und verkündete, dass man nun zwei Monate nicht miteinander schlafen könne, da sie diesen Ausschlag an einer blöden Stelle habe.“

Auch diesmal hat das Vogelorakel den richtigen Riecher. Lisa hat die fest eingeplante neue Stelle nicht bekommen. Tim steht jetzt auf dem Schlauch, denn seine Kneipe wirft keinen Gewinn ab und Lisas Geld war – wie gesagt – fest eingeplant. Und genau in dieser Phase kommt der Unternehmer Mustafa Orgun ins Spiel. Er will das Schluckspecht kaufen, diese umbauen und ebenfalls – wie eine seiner anderen Kneipen – in eine moderne Szenekneipe umwandeln.

Die Männerclique hat nun beschlossen, Werbung fürs Schluckspecht zu machen. Schlütti muss in ein Ganzkörperkostüm in Form eines Bierglases hineinschlüpfen und Tim verteilt Werbezettel. Dabei landen sie dann auch vor der Szenekneipe von Mustafa Orgun, die natürlich prall gefüllt ist.

Aber die Welt hat sich verändert, niemand verirrt sich mehr in eine kleine Eckkneipe. Stattdessen sitzt man im Fit-an-Green, Barlokal, schlürft gesunde Cocktails und isst Sushi-Röllchen.“

Als dann auch noch seine Freundin Lisa ihn ausgerechnet mit ins Fit-an-Green schleift und ihm dort erörtert, sie hätte einen neuen Job in München, bricht für Tim Feldmann eine Welt zusammen. Denn München geht gar nicht !

Ich sach ma so: Dat, wat sich `ne Frau in den Kopp reingesetzt hat, dat ist wie ein Rotweinflecke aufm weißen Teppich. Krisse nur ganz schwer wieder raus“.

Dies ist einer der weisen Sprüche von Jutta, der Bardame des Schluckspecht. Und diese Jutta gibt den Jungs jetzt einige Lebensweisheiten mit auf den Weg. Etwa wie sie mit ihren Frauen besser zurecht kommen können; – vor allem aber, wie Tim Lisa überzeugen kann, in Bottrop zu bleiben. „Kommando Schluckspecht“ wird ins Leben gerufen.

Unbenannt-2 (Kopie)

Tetraeder- Bottrop

Fazit:

Ich finde Cover und Titel passen gut zusammen. Sie machen neugierig und laden zum Lesen ein. Ich lebe selber auch im Ruhrgebiet, in Oberhausen und war von daher schon sehr gespannt auf den Roman.

Der Autor Tobias Keller hat eine witzige und mitreißende Art zu schreiben. Dazu kommt eine ordentliche Portion Humor. Kein langes Vorgeplänkel, er kommt direkt zur Sache, so wie ich es aus dem Ruhrgebiet auch nicht anders kenne. Die Idee mit dem Vogelorakel hat mir gut gefallen und ich musste oft herzhaft lachen. Es erinnerte mich ein bisschen an „Paul den Kraken“ aus Oberhausen, der ja die Fußballergebnisse zur WM „vorausgesagt“ hatte. Mit Tim Feldmann hat der Autor einen netten Helden geschaffen, jedoch ist Bardame Jutta mit ihren Weisheiten für mich das eigentliche Juwel des Romans. Ein Ruhrgebietsurgestein, die das Herz am rechten Fleck hat. Ihre sprachliche Wiedergabe der Revier-Atmosphäre gab dem Buch absoluten Charme. Ich musste mich während des lesens wieder und wieder fragen, ob Jutta fiktiv sei, oder ob sie wohl als lebendiges Vorbild in irgendeiner Kneipe hier im Ruhrgebiet steht.

Obwohl man bei diesem Buch aus dem Lachen fast gar nicht mehr raus kommt, hat Tobias Keller auch ein gutes Gespür für seine Heimat und ihre Probleme. So beschreibt er etwa mit nettem Sarkasmus das Sterben der alten Kneipenkultur, oder die Verödung der Innenstädte. Tobias Keller hat es wunderbar geschafft, Spannung peu à peu aufzubauen und bis zum Schluss beizubehalten – und die ganze Zeit war es Kopfkino par excellence.

Et bleibt nur noch zu sagen: „Et wa ma widda schön nen Buch ausm Pott zu lesen, da liechse vor Lachen getz anne Erde“, ohne viele Fiesematenten allet direkt aufn Punkt!“

Und, das Buch war exorbitant gut. Weiter so !!!

Autor:

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Dank an den DtV Verlag für das Rezensionsexempla

Tobias Keller, geboren 1989 in Oberhausen (NRW), studiert in Bochum Deutsch und Pädagogik auf Lehramt. „Morgens leerer, abends voller“ war Kellers Debütroman.

Details:

DtV Verlag (Juli 2017) / Taschenbuch: 300 Seiten / 9,95 Euro

ISBN-10: 3423216867 / ISBN-13: 978-3423216869

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