„Warst du das, Vater ? “

Da es bei mir an den Weihnachstagen immer etwas ruhiger zugeht, kam ich wunderbar zum Lesen und Schreiben.

Vielleicht ein interessantes Buch für Weihnachtsgutscheine ???

„Literaturwerkstatt- kreativ“ stellt vor:

„Unscharfe Bilder“ von Ulla Hahn

„Warst du das, Vater ? “

diese Frage stellt Katja Wild eine Hamburger Studienrätin ihrem Vater Hans Musbach.

Sie entdeckt bei dem Besuch einer Wehrmachtsausstellung auf einem alten unscharfen Foto, Soldaten bei der Erschießung von russischen Zivilisten. Sie glaubt ihren Vater als einen der Schützen zu erkennen.

Bei Hitlers Machtergreifung war Hans Musbach selbst erst dreizehn Jahre alt, später wird er eingezogen und muss an die Ostfront. Inzwischen ist er 82 Jahre alt und verbringt seine Tage in einer Senioren-Residenz. Nach dem Krieg wurde Musbach Oberstudienrat mit den Fächern, Griechisch, alte Geschichte und Latein. Er war bei Kollegen und Schülern sehr beliebt und auch für seine Tochter war er ein sehr fürsorglicher Vater und ein gutes Vorbild. Die beiden haben eine sehr enge Beziehung miteinander und Katja Wild besucht ihren Vater oft in der Senioren-Residenz.

Als nun die Tochter den Vater mit dem Katalog zur Ausstellung „Verbrechen an der Ostfront“ konfrontiert, wird er durch die Fragen seiner Tochter gezwungen, in die längst vergangene Welt (seine Welt) der alten Erinnerungen einzutauchen. Dabei lässt die Tochter nicht mehr locker und bohrt mit ihren Fragen wider und wider. Sie will die ganze Wahrheit über die Rolle ihres Vaters im Krieg wissen. Bei ihm kommen Geschehnisse an die Oberfläche, längst vergessene und verdrängte Bilder. Er berichtet mit allen Details über den brutalen Krieg und den grausamen Alltag der Soldaten.

Selbst, als der Vater körperlich reagiert und einen leichten Herzanfall bekommt, nimmt die Tochter keine Rücksicht und bohrt weiter und weiter……

 

unscharfe Bilder.III cdr (Kopie)

 

Fazit:

Ulla Hahn hat ein starkes Thema in ihrem Roman verarbeitet; bezugnehmend auf die zwei Wehrmachtsausstellungen, die von 1995 bis 1999 und die von 2001 bis 2004 zu sehen waren. Die erste hatte den Titel: „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, die zweite „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“. Durch sie wurden Verbrechen der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem im Krieg gegen die Sowjetunion, einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und sehr kontrovers diskutiert.

Man könnte jetzt die Frage stellen, ob dieses Thema noch Zeitgemäß ist. Ich würde sagen, auf jeden Fall. Letztendlich geht es um die Frage, wie menschlich verhalte ich mich und wie viel Widerstand leiste ich, auch wenn der Gegendruck immens groß ist.

Die Autorin hat einen durchaus fesselnden Schreibstil. Vor allem die Erinnerungen des Vater werden einem sehr bildhaft vor Augen geführt. Hans Musbach hat mir als Protagonist sehr gut gefallen und Ulla Hahn hat ihn mir sehr nahe gebracht. Seine Berichte vom Krieg lassen einen nachdenklich werden und die Frage: „Was hast Du im Krieg gemacht“ bekommt durch seine Erzählung, seine Sichtweise einen anderen Stellenwert. Es wird sehr deutlich: Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt immer eine Geschichte hinter der Geschichte – oder eines Bildes.

Katja Musbach war mir hingegen schier unsympathisch. Auch wenn Sie mit ihren Fragen erst einmal (vermeintlich) Recht hat, geht sie ihre drängenden Fragen auf eine Art an, die mir einfach nicht gefallen und so hat das Buch als Ganzes einen etwas negativen Nachgeschmack bei mir hinterlassen. Sie hat ihren Vater vor verurteilt, bevor er seine Geschichte erzählt hat. Der Vater, zu dem sie doch immer ein gutes Verhältnis hatte und dem sie auch vertraute. Für mich ist sie als Tochter nicht authentisch genug in den Roman eingearbeitet. Vielleicht ist dieses kollektive „nachfragen“, diese Permanenz das in den 60ger / 70ger Jahren gang und gäbe war – und auch gut und richtig war – an dieser negativen Figur „schuld“.  Ein wenig mehr Verständnis für ihren Vater auf Seiten der Tochter und eine Prise Humor in dem Roman wären sicherlich nicht das Schlechteste gewesen, – sind dadurch Grausamkeiten nicht erst aushaltbar ?

Trotz allem hat Ulla Hahn einen Roman geschrieben, den es lohnt zu lesen. Sie hat auf jeden Fall Fragen gestellt, die zum Nachdenken anregen !!!

 

Autorin:

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Besten Dank an den Peguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer Germanistik-Promotion als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, anschließend als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Schon ihr erster Lyrikband, „Herz über Kopf“ (1981), war ein großer Leser- und Kritikererfolg. Ihr lyrisches Werk wurde u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Für ihren Roman „Das verborgene Wort“ (2001) erhielt sie den ersten Deutschen Bücherpreis. 2009 folgte der Bestseller „Aufbruch“, der zweite Teil des Epos, und auch Teil drei, „Spiel der Zeit“ (2014), begeisterte Kritiker wie Leser.

Details:

Penguin Verlag (09.10.2017) / Taschenbuch / 278 Seiten / 12 Euro

ISBN-10: 3328100172 / ISBN-13: 978-3328100171

 

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